Das Meerschweinchen –
ein Rudeltier
Ein
paar Tipps zur Gruppenzusammensetzung
Grundsätzlich gilt: Nichts ist unmöglich, aber natürlich gibt es
Gruppenzusammensetzungen, die eher funktionieren als andere.
Und ganz sonnenklar: Kein Schwein ist gern allein - Einzelhaltung ist nicht
artgerecht. Jedes Schweinchen braucht mindestens einen Kumpel. Auch ein altes,
das sein Gspänli verloren hat, soll wieder eins bekommen....
Traditionsgemäss hält man Weibchengruppen. Männchen waren immer schon verpönt,
asoziale Streithähne zu sein - wer früher Männchen hielt, hielt sie einzeln.
Aber auch Weibchen vertragen sich nicht mit jeder. Wer schon einmal zwei (oder
mehrere) sich fremde ausgewachsene Weibchen zusammen setzen wollte, kann ein
Lied davon singen. Da wird gequietscht, gezickt und gejagt, dass einem Angst und
Bange werden kann. Bei Jungtieren gibt es in der Regel keine Probleme, egal
welchen Geschlechts sie sind.
Heute weiss man, dass durchaus auch Männchen friedlich zusammen leben können.
Bockhaltung ist ein bisschen anspruchsvoller, und ab und zu gibt es Individuen,
die sich nicht mit andern arrangieren können.
Die heikelste Zeit ist zwischen 4 und 6 Monaten, da gibt’s oft die grössten
Unruhen, und manchmal ändert sich die Rangordnung nochmals. Das klappt nicht überall
ohne Zwischenfälle.
Grundsätzlich gilt: Auch Meerschweinchen müssen soziales Verhalten erlernen -
Jungböcke, die in einer Bockgruppe mit auch älteren Böcken aufwachsen,
lernen, sich auch mal unterzuordnen und können sich in einer Gruppe besser
zurechtfinden - auch in einer gemischten, wo man eigentlich annehmen müsste,
sie würden sich um vorhandene Weibchen streiten. Manchmal machen gerade Brüder,
die doch von Geburt auf zusammen waren, Scherereien. Man nimmt an, dass Dominanz
und das Streben nach der Alphaposition auch ein Stück weit angeboren ist.
Trotzdem gibt es Brüder, die die besten Kumpels sind!
Wenn man sich anguckt, wie die Tiere in Freiheit leben, ist schnell klar: Eine
Familiengruppe besteht vor allem aus Weibchen und Jungtieren, aber ein Mann gehört
natürlich dazu.
Früher hätte eine solche Kombination unweigerlich zu einer Explosion der
Meerschweinchenpopulation geführt. Trotz relativ langer Tragzeit (10 Wochen)
sind Meerschweinchen nämlich sehr fruchtbare Tiere (da hat man schnell
Mehr-Schweinchen), weil sie sehr früh geschlechtsreif werden. Deshalb war diese
Kombination früher nicht über längere Zeit praktizierbar.
Das hat sich in den letzten paar Jahren ganz entscheidend verändert: Die
Kastration eines Meerschweinchenmännchens ist unterdessen ein Routine-Eingriff,
den jeder Tierarzt durchführen kann, viele auch die sogenannte Frühkastration
vor Erreichen der Geschlechtsreife (mit ca. 250 g). Dies hat die Situation der Männchen
massiv verbessert - die meisten von ihnen haben nun die Chance auf ein erfülltes
Leben und enden nicht schon als Baby im Bauch einer Schlange. Denn ein
kastriertes Männchen ist ein idealer Partner für ein Weibchen, und meist können
kastrierte Männchen auch problemlos in Gruppen gehalten werden. Und häufig
klappt sogar eine Gruppe mit mehreren Kastraten und mehreren Weibchen.
Es gibt Leute, die den Eingriff unnötig finden und für „echte“ Bockgruppen
plädieren.
Wer aber schon erlebt hat, was für eine Tragödie sich bekämpfende
Meerschweinchenböcke in einer Familie auslösen können, wenn man sich von
einem der geliebten Tiere trennen muss, versteht, dass viele Tierhalter das
Risiko nicht eingehen wollen.
Entgegengesetzte Geschlechter sind sicher am friedlichsten: Ein Weibchen mit
einem kastrierten Männchen bildet die kleinste Haremgruppe. Diese Kombination
ist meist auch friedlich, wenn man sie in ausgewachsenem Alter zusammen setzt.
Sie kann natürlich mit beliebig vielen Weibchen ergänzt werden - so es davon
genug gibt. Oft sind Weibchen aber Mangelware, bloss Böckchen gibt es noch....
Es ist auch möglich, in einer gemischten Gruppe mehrere Kastraten zu halten -
aber da geht nicht jeder mit jedem. Wichtig ist da vor allem, dass die Babyböcke
gut sozialisiert werden: Wenn man sie von der Mutter wegnimmt, werden sie von
einem erfahrenen Macho gehütet und „erzogen“.
Ein paar Tipps für Bockgruppen:
Wer auf Nummer sicher gehen will, nimmt frühkastrierte Böcke.
Viele Züchter bieten solche zu günstigen Preisen an.
Die Tiere möglichst vor Erreichen der Geschlechtsreife zusammen setzen (oder
einen Babybock zu einem ausgewachsenen - mehrere erwachsene ist relativ heikel,
kann aber auch klappen....)
Keine Weibchen in der Nähe - der Duft reicht manchmal aus, um aus zwei Freunden
zwei Rivalen zu machen!
Die Böcke nie mehr trennen. Wenn einer zum Tierarzt muss, geht der andere mit -
sonst riechen sie nachher anders, was Grund zu Auseinandersetzungen geben könnte.
Möglichst kein Wechsel des Territoriums (Vorsicht beim Rein- und Rauszügeln im
Sommer)
Es braucht viel Platz, um sich aus dem Weg zu gehen - jeder möchte auch ein
eigenes Versteck! Ausserdem sollten die Verstecke mehrere Ein- oder Ausgänge
haben, und man sollte im Gehege möglichst keine Sackgassen einbauen, so dass
keiner in die Enge getrieben werden kann.
Eine gerade Anzahl ist meist besser als eine ungerade. Drei sind besonders
heikel, fünf geht oft gut, und wenn’s mehr als sechs sind, spielt’s
eigentlich keine Rolle mehr, ob gerade oder ungerade.
Wenn’s Streit gibt, gut beobachten, und nur im Notfall eingreifen. Einmal
getrennte Tiere können in der Regel nicht mehr zusammen gesetzt werden (da nützt
auch die Kastration nichts mehr....)
Meist können die Tiere die Sache unblutig regeln, aber manchmal braucht es
etwas Nerven!
Zähneklappern liegt drin, Besteigen ist oft einfach Dominanzdemonstration, und
auch ab und zu mal eine kleine Schramme oder ein Schranz im Ohr liegen drin.
Wenn sich die Verletzungen aber häufen, sich die Tiere regelrecht ineinander
verbeissen oder überhaupt keine Ruhe mehr einkehrt, muss man eingreifen und die
Tiere trennen und für beide eine bessere Lösung suchen. Aber auch hier gilt:
Einzelhaltung ist keine Option!
Eins ist allein geblieben, was nun?
Jedes Meerschweinchen hat das Recht auf einen Artgenossen, auch ein älteres,
dem das Gspänli gestorben ist, selbst wenn es selber nicht mehr lange zu leben
hat. Aber nicht immer will man endlos lange Meerschweinchen halten. Da hilft oft
eine Meerschweinchen-Auffangstation oder ein Züchter. Vielleicht kann man das
verbliebene Tier dorthin bringen, wo es seinen Lebensabend in Gesellschaft
verbringen kann, oder, noch besser, man holt ein „Neues“ zu sich.
Mancherorts kann man auch ein Tier „ausleihen“, d.h. man kann es nach dem
Ableben des andern wieder dorthin zurück geben. An solchen Orten bekommen Sie
auch gute Beratung, wer sich eignen könnte als Kumpel.
Das verbliebene ist ein Weibchen: Klarer Fall, bitte ein kastriertes Männchen.
Das gibt am wenigsten Streit, und die Chance stehen gut, dass es eine
harmonische Beziehung wird. Ein ausgewachsener geht in der Regel besser als ein
Babyböckli.
Das verbliebene ist ein kastriertes Männchen: Wenn’s bisher mit Weibchen
gelebt hat, hätt’s lieber wieder eine Dame. Aber auch ein junges kastriertes
Männchen geht in der Regel ohne Probleme.
Das verbliebene ist ein unkastriertes Männchen: Bockgruppenerprobte Leute holen
wieder ein unkastriertes, das aber noch jung sein muss.
Ansonsten ein kastriertes - da ist die Gefahr klein, dass der Jungspund dem
Eingesessenen in der Pubertät die Chefrolle abtrünnig machen will.
zurück zur Übersicht